Daniel T. Coates – Road Book 2009
von Bettina Granegger
Wir schrieben den Sommer 1988. Aufgrund einer Zeitungsanzeige, in der privater Gitarrenunterricht angeboten worden war, hatte ich Kontakt mit Reinhold Dettlaff aufgenommen, der damals aktiv in der Bayreuther Musik-Szene unterwegs war. Eines Tages brachte er zum Unterricht einen jungen Studenten aus Pennsylvania mit, der vor kurzem in die Stadt gekommen war und den er über die Musik kennengelernt hatte. So begann meine Freundschaft mit Daniel T. Coates, der seit dieser Zeit die Entwicklung zu einem der bedeutendsten Country-Musiker in Deutschland und darüber hinaus durchgemacht hat.
Bereits kurz nach unserer ersten Begegnung formierte sich mit ihm, Reinhold Dettlaff, dessen Bruder Gerhard, Thomas Schönheiter und Johannes Lobe Bayreuths erste Country-Band mit authentisch amerikanischem Charakter – „The Dettlaff Brothers“ -, aus der sich später die Basisbesetzung der Daniel T. Coates Band entwickelte. Derzeit gehören zum festen, jedoch variablen Stamm um den Frontman herum Gabor Bardfalvi aus Ungarn (Kontrabass), Andy Kupfer (Drums), Thomas Schönheiter (Akkordeon, Harp, Rhythmusgitarre) und Dietmar Wächtler (Pedal Steel).
Obwohl Country Music in Deutschland eine ganz eigene, brüchige Welt ist, war bereits damals in den frühen 90ern abzusehen, dass dies kein One Hit Wonder sein würde. Dan behielt den Weg, auf dem er sich befand, zugunsten des jeweils nächsten Etappenziels, das er erreichen wollte, immer im Auge. Dies erforderte immer wieder Kurskorrekturen und Kompromisse, harte Arbeit und manchmal auch die Notwendigkeit, sich von Musikpartnern zu verabschieden. Nur der jeweils höchste zur Verfügung stehende Standard an diesen konnte sein Fortkommen fördern und tut dies noch immer. Only the best and nothing less.
Ich kann also auf nunmehr 21 Jahre DTC zurückblicken und habe einen winzigen Teil davon, das Jahr 2009, retrospektiv zusammengefasst.
Silvester 2008/2009
(Dan, Andy, Gabor, Tom)
Das Angebot an Partys auf Ballermann-Niveau ist enorm. Mir reicht es schon, sonst versehentlich immer wieder Country-Bands zu begegnen, die sich mehr mit DJ Ötzi identifizieren und meinen, das Bemühungsziel ihres Auftritts sei dann erreicht, wenn das Publikum grölend auf den Tischen steht und/oder berauscht darunter liegt. Ziemlich schrecklich. Glücklicherweise gibt es Orte wie die Four Corners Music Hall in Untermeitingen, wo Stimmung einfach durch Qualität gewährleistet wird. Das fängt an Silvester beim amerikanischen Buffet an und setzt sich bei einer Band fort, die mit sich selbst im Reinen ist. Kein besserer Platz, ein neues Jahr zu beginnen.
Goldmühl, 31. Januar 2009
(Dan, Andy, Gabor)
Die Veranstaltung ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Ein kleiner Reiterhof am Rand des Fichtelgebirges und einer dieser besonderen Orte, die Dan gern als Herausforderung und Möglichkeit nutzt, seine Kreativität in vollem Maß auszuschöpfen. Heute hat er sich ein Keyboard mitgebracht, imitiert Ray Charles, spielt die Rolle des Clowns, Entertainers und Perfektionisten.
Oberlaitsch, 1. Februar 2009
(Dan, Tom)
Wie gestern eins dieser herrlichen, fast geheim gehaltenen Konzerte. Akustik-Wochen auf der High Willow Ranch. Ich erinnere mich an die legendären Country-Festivals, die hier in den 90er Jahren stattfanden. Damals, als es im Bayreuther Raum nur 2 größere Veranstaltungen dieser Art im Jahr gab und die Welt noch nicht übersättigt war. Geblieben ist die Verbundenheit zu ehrlicher Musik, die Dan und Tom die Chance lässt, ihre Songs mit anmutiger Sorgsamkeit zu präsentieren. In solch erlesenen Augenblicken nehmen sie ihre Zuhörer einfach mit. In solchen Momenten wird mir klar, warum ich Country Music liebe.
Berlin, 6. bis 8. Februar 2009
(Dan, Gabor, Andy, Tom, Dietmar, Special Guest: George Baer)
Country Music Messe im Postbahnhof Berlin. Auf irgendeiner Ebene meines Bewusstseins bin ich der Überzeugung, dass es wahr ist: Wenn man nur sorgsam genug sucht, lässt sich zwischen den Klamotten-Ständen und Karaoke-Shows Live-Musik von bestechender Qualität finden. Sicher geht man dabei immer, wenn Dan Coates beteiligt ist. Die Umstände ändern sich hierbei, doch er hält beständig seinen Weg ein. Wann immer ihn eine Veränderung zwingen mag, Dinge umzuorganisieren, schöpft er aus seiner Anpassungsfähigkeit und bleibt dabei stets im Mittelpunkt.
Die Texaner Cody Jinks und Liz Talley sind mit ihm und der Spielweise seiner Musiker vertraut und wählen sie als Begleitung. Als Frontman auf der großen Bühne und akustisch im Bluebird Café sehe ich seine Überzeugung verkörpert, das Beste zu geben. Tom Schönheiter bekommt bei dieser Gelegenheit ein Akkordeon der Firma Weltmeister aus Klingenthal/Thüringen überreicht. Frau Herberger, der Firmenchefin der Harmona-Werke, ist klar: Wenn jemand Werbeträger für ein – in diesem Musik-Genre eigentlich untypisches Instrument – sein dann, dann er.
Plauen, 11. Februar 2009
(Dan, Cody Jinks)
Die frische Energiequelle scheint bei beiden Künstlern etwas versiegt. Die Messe war anstrengend und hat ihre Spuren hinterlassen. Dennoch ein sagenhafter eindringlicher Auftritt, akustisch auf Barhockern, reduziert auf das Wesentliche und ziemlich sanft. Ich erlebe hier zwei für mich völlig gleichwertige Musiker, die sich darauf konzentrieren, ihre Linie einzuhalten und sich dabei längst aufeinander zu bewegt haben. Ein wenig Unverständnis, da hier von mancher Seite versucht wird, ein anderes Bild zu vermitteln. Wer dabei ist und es erlebt, hat aber längst verstanden.
Untermeitingen, 13./14. März 2009
(Dan, Gabor, Andy, Tom, Dietmar)
Opening für Tracy Byrd. Der erste Abend mit dem US-Star ist schon unglaublich, am zweiten kocht das Four Corners über. Die Sinneswahrnehmungen überschlagen sich, das komplette Empfinden ist alarmiert, so dass es unmöglich ist, nach dem Haupt-Act zur Ruhe zu kommen. Die DTC-Band hat das Publikum vorher jeweils auf spezielle Weise vorbereitet und sicher wesentlich beeinflusst, ohne in die Zukunft der Abende sehen zu können. Am zweiten dann wird sich aus der aufgeheizten Stimmung heraus nicht mehr an Pläne gehalten. Als ein Großteil des Publikums weg ist, viele aber nicht gehen mögen, weil die innere Anspannung des Erlebten noch zu intensiv ist, holt Dan seine Leute noch einmal auf die Bühne und bereitet der Nacht ein unvergessliches finales Ende.
Untermeitingen, 11. Mai 2009
(Dan, Gabor, Andy, Tom, Dietmar)
Opening für die Bellamy Brothers. Wir haben es immer geahnt, jetzt wissen wir es: Erfolg macht müde. Die echten Bellamy-Fans schweben an dem Abend in atmosphärischem Glück, ich dagegen erlebe ihn als eine schwere absurde Enttäuschung. Rettung ist die Vorband, die auch in der Kürze ihrer Spielzeit ein wenig an Empfinden rettet. Im Gegensatz zum Haupt-Act hellwach und voller Energie, vertraut, Wohlbehagen vermittelnd.
Fürth, 28. Mai 2009
(Dan, Gabor, Andy, Tom, Dietmar, Cody Jinks)
Hier hat sich eine Bindung entwickelt. Cody ist vielen Fans und Musikerkollegen in Deutschland mittlerweile zum Freund geworden. Wenn er mit der DTC-Band spielt, ist schlichtweg alles im Fluss und das wird in sämtliche Richtungen ausgestrahlt. Die Grüne Halle an sich ist schon ein Ort, der seine Eignung bewiesen hat. Die Musiker als Einheit spiegeln den Anblick vorbildlicher Konzentration. Als sie damit fertig sind, stelle ich fest, dass so glaubhaft dargebrachte Country Musik klingen muss.
Goldmühl, 7. Juli 2009
(Dan, Gabor, Tom, Special Guests: Helmut Limbeck, Trevor Morris)
Charly’s Mountain ist Kult. Der Ort von unbeschreiblicher Schönheit, über viele Jahre fast verborgen gehalten. So soll es auch bleiben, wenngleich es mittlerweile als „Geheimtip“ sogar im Internet publiziert wird. Wenn Energie und Herz in die Musik gelegt werden, kann Unglaubliches geschehen. Hier oben auf dem Berg haben wir das immer wieder zu spüren bekommen. Diesmal jedoch ziehen noch vor dem Beginn der Musik Regenwolken über dem fränkischen Land auf und der sich verändernde Wind lässt alle zum Schluss kommen, besser rechtzeitig die Flucht in einen nahe gelegenen Reitstall anzutreten. Dort war auch in weiser Voraussicht schon für eine Unterkunft gesorgt worden und diese wird nun gern in Anspruch genommen. Auch, wenn die Atmosphäre nicht ganz die gleiche ist wie unter freiem Himmel auf einer Decke in der Abendsonne – die Musik bleibt die selbe und das Zusammenrücken im Raum schafft ein neues Gefühl und eine weitere unauslöschliche Erinnerung.
Bamberg, 23. August 2009
(Dan, Gabor, Andy)
Die Sandkerwa in Bambergs historischer Innenstadt. Die schlimmsten Befürchtungen, in Mitten der Menschenmassen zerquetscht zu werden, bewahrheitete sich glücklicherweise nicht, wenngleich viele das reichhaltige Unterhaltungsprogramm an diesem sommerlichen Sonntag Abend wahrnehmen. Live-Musik gibt es reichlich. Wir hören uns eine Weile auf der Bühne unter dem Dom ein Rockabilly-Trio an, das sich tapfer durch seinen ersten öffentlichen Auftritt kämpft. Dan, Gabor und Andy haben einen strategisch ungünstigeren Platz. Das schlauchförmige Zelt, an dessen Ende die Bühne steht, liegt zwar idyllisch an der Regnitz, bietet aber keinerlei Möglichkeit auf Laufpublikum. Das kann allerdings nicht der alleinige Faktor sein für die Tatsache, dann an diesem Abend irgendwie alles verloren erscheint. Wenn es schlimm wird, ist es zum Umkehren meist schon zu spät und so schlagen sich die Drei durch bis zum vorgegebenen Ende um 23:00 Uhr. Eine bizarre Kulisse – an uns vorbei ziehen die beleuchteten Touristen-Dampfer. Der Kellner balanciert die Bierkrüge vorbei an beharrlichen Line Dancern in der schmalen Gasse zwischen den Biertischen. Der Rest der körperlich Anwesenden konsumiert das Gebräu und irgendwie scheint ohnehin niemand den Musikern Beachtung zu schenken. Solche Auftritte gibt es leider auch, man hat gelernt, damit zu leben.
Nemmersdorf, 24. Oktober 2009
(Dan, Gabor, Andy, Dietmar)
Andrea’s Garden Party – eine weitere Traditionsveranstaltung, viele Jahre lang tatsächlich immer im Sommer in einem Schrebergarten, vor 2 Jahren mangels diesem in eine Sporthalle verlegt. Das Flair hat gelitten, die Bemühungen der Organisatoren dieses nicht öffentlichen Konzertes nicht. Die leider noch immer lebhafte Raucherkultur wurde einem allerdings seinerzeit unter freiem Himmel weniger bewusst, heute nimmt sie enorm von der Gesamtqualität. Musikalisch für mich einer der schönsten Abende des Jahres mit Dan und der Band. Wenn man in der Technik geübt ist, den Rauch zu ignorieren und sich weniger um die daraus resultierenden physischen Probleme kümmert, gelingt es, die Wahrnehmung in Bahnen zu lenken, die dennoch einen Genuss der Musik erlauben.
Untermeitingen, 6. November 2009
(Dan, Gabor)
Opening für Michael Peterson. Nach einer hervorragende Vorlage von Texas Heat bin ich gespannt, ob es Dan und Gabor im Duo gelingt, die Zügel in der Hand zu behalten und die Stimmung hin zum Top Act zu lenken. Eigentlich überflüssig, denn ich kenne kaum Situationen, in denen ihnen dies jemals wirkliche Schwierigkeiten bereitet hätte. In der Nachschau des Abends, an dem die Show des US-Künstler Michael Peterson leider aufgrund seiner etwas unkonventionellen und unstimmigen italienischen Begleitband litt, ist der knapp einstündige Auftritt von Dan und Gabor als Beitrag dafür zu sehen, die Fahrt nach Untermeitingen lohnenswert gemacht zu haben. Möglicherweise mag sich Michael Peterson selbst eine seiner beiden Vorgruppen als Begleitung gewünscht haben, die insgesamt seine Präsenz in vollem Umfang besser unterstützt hätten.
Bayreuth, 18. November 2009
(Dan, Gabor, Tom)
Sicher der ungewöhnlichste Auftritt für die Musiker in diesem Jahr – ein Konzert für Gefangene der JVA Bayreuth. Vor 2 Jahren kontaktierte ich erstmals den zuständigen Kultur-Leiter des Gefängnisses, Martin Winckhler, und wir entwickelte die Idee für das Projekt „Country At Prison“, das wir nun bereits zum 3. Mal umsetzen. Formal ist es unproblematisch, auch einen Amerikaner und einen Ungarn in die Anstalt zu bringen, die Abläufe sind gleich wie bei deutschen Besuchern. Pässe und Schlüssel werden an der Schleuse abgegeben, vorher läuft eine Registrierung, den Musikern ist es allerdings erlaubt, ihr Equipment mit dem Fahrzeug bis zur Veranstaltungshalle zu bringen. Auch, wenn ich das Areal nun schon zum dritten Mal besuche, ist das Gefühl dabei immer wieder einzigartig. Tom spielte bereits einmal zusammen mit Sebbo (Amarillo) hier, für Dan und Gabor ist es eine Premiere, die sie durch einfühlsame Kommunikation mit ihrem Publikum meistern, unterstützt von Selbstschutz durch Konzentration auf das Wesentliche. Hier spielt man nun mal „Country Roads“, weil man erkennt, dass es nötig ist. Erkennen des Profils seiner Zuhörer, Eindämmung für kurze Zeit allen Aufkommens von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Auch ein junger Amerikaner ist dabei, der wegen eines Drogendelikts ihm Rahmen seiner Militärzeit in Grafenwöhr, hier her kam. Alles ist anders als sonst, anfällig und schützenswert. Für zwei Stunden entsteht eine Beziehung, die Musiker übernehmen eine sonst nicht gekannte Rolle.
Nach dem Verlassen der Anstalt durch das grüne Schleusentor ist es fast nicht möglich, direkt wieder in den Alltag überzugehen. War bisher immer so. Also beschließe ich mit Dan, ein nahe gelegenes indisches Restaurant anzusteuern, um die innere Aufregung in eine gesunde reflektierende Ebene zu bringen. Wir quatschen noch Stunden über die Welt innerhalb und außerhalb dieser Mauern, das Leben an sich und, klar, Country Music.
Untermeitingen, 31. Dezember 2009
(Dan, Gabor, Andy, Tom)
Wir haben die Lektion gelernt. Ich möchte diesen besonderen Moment des Jahreswechsels in einem Zustand verbringen, den ich mir für die gesamte Zeit danach noch wünsche. Ich habe erkannt, welchen Wert die Freizeit und der darin zu suchende Ausgleich haben, und diese Erkenntnis lasse ich in meine Entscheidungen einfließen. Keine Minute dieser kostbaren Zeit vergeuden. Dankbarkeit, dass es Musiker wie Daniel T. Coates und seine Band gibt, die einem dieses Geschenk immer wieder machen.
Bettina Granegger